Nachrichten- und Informationskompetenz für Schülerinnen und Schüler

Eindrücke aus einem Gespräch mit Jörg Sadrozinski, Journalist und Leiter der Reporterfabrik

Jörg Sadrozinski, Leiter Reporterfabrik von Correctiv

Frage: Herr Sadrozinski, wie steht es um den Umgang mit Medien in den Schulen? Die pandemische Krise hat ja deutlich gemacht, dass bedeutende Kompetenzen bei Lehrkräften und Schüler*innen gefragt sind, um den online-Unterricht bewältigen zu können.
Medienkompetenz – insbesondere Nachrichten- und Informationskompetenz – ist heute so wichtig wie Mathe oder Biologie. Für Lehrerinnen und Lehrer oder für Verantwortliche im Bildungsbereich mag diese These provokant klingen. Es geht aber nicht darum, die Bedeutung von Naturwissenschaften in der Schulausbildung kleinzureden, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass nach wie vor Defizite in einem Bereich herrschen, der für die Meinungsbildung in unserer demokratischen Gesellschaft wichtig ist, und immer wichtiger wird.

Nicht erst die Corona-Krise zeigt, wie schwer es fällt, seriöse Informationen von Halbwahrheiten und Falschnachrichten zu unterscheiden. Diese Kompetenz sollte schon in den Schulen vermittelt werden. Mit ihrem Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt" und dem "Kompetenzorientierten Konzept für die schulische Medienbildung" hat die Kultusministerkonferenz (KMK) bereits vor fünf Jahren anspruchsvolle Anforderungen an die Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen formuliert. Die KMK hat den Lehrenden und den Schulen empfohlen, "außerschulische Kooperationspartner", insbesondere Medienanbieter und Bildungseinrichtungen zur Vermittlung von Medienkompetenz zu nutzen.

Obwohl alle Bundesländer, Landesmedienanstalten, Lehrerbildungs- und Schulentwicklungsinstitute und viele weitere öffentliche und private Initiativen und Organisationen mittlerweile „Medienführerscheine“ oder „Medienpässe“ anbieten und Lehrmittel, -pläne, -plattformen, Spiele und mehr bereitstellen, ist der Bedarf an konkreten Maßnahmen zur Erlangung von Medienkompetenz nach wie vor groß.

Frage: Sie sind innerhalb der „Reporterfabrik“ besonders an Medienprojekten engagiert. Was machen sie da?
Hier knüpft beispielsweise die „Reporterfabrik“ an. Die „WebAkademie des Journalismus“ organisiert seit 2019 bundesweit Schulbesuche von Journalistinnen und Journalisten und produziert begleitende Unterrichtseinheiten. Denn viele der Anforderungen an die Aus- und Fortbildung von Lehrenden, die in der KMK-Strategie formuliert werden, gehören zum Grundwissen und zur täglichen Praxis von Journalistinnen und Journalisten: Informationen recherchieren und auswählen; Medien produzieren; Datensicherheit und Datenmissbrauch verstehen und erkennen; mediale Gewaltdarstellungen bewerten. Kurzum: die Mediengesellschaft verstehen.

Frage: Wofür steht die „Reporterfabrik“?
Die „Reporterfabrik“ und das Schwesterportal, die Bürgerakademie (http://buergerakademie.info), sind Plattformen des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV und des Reporter-Forums e.V.. Die Web-Akademien für Journalisten und Bürger sind seit 2019 online und wurden mithilfe von gemeinnützigen Stiftungen finanziert.

In der Reporterfabrik werden die Grundlagen des journalistischen Handwerks vermittelt, die professionelle Arbeit der Medien wird durchschaubar gemacht, der Desinformation entgegengewirkt und Journalisten aus- und fortgebildet. Die Bürgerakademie für Kommunikation will helfen, die Öffentlichkeit zu qualifizieren: Sie macht die Arbeit der klassischen und sozialen Medien auch für Laien transparent und vermittelt Kommunikationskompetenz an interessierte Bürgerinnen.

Ziel beider Plattformen ist die „redaktionelle Gesellschaft“.  Dieser Begriff geht auf den Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zurück, der angesichts der Möglichkeiten der Bürger, selbst zu veröffentlichen, fordert, dass diese auch bestimmte Regeln kennen und lernen müssten, damit ein qualifizierter gesellschaftlicher Dialog möglich werde.

Frage: Welches Projekt verfolgen Sie und die „Reporterfabrik“ gerade aktuell?
Das Ziel, Lehrerinnen und Lehrer bei der Vermittlung von Nachrichten und Informationskompetenz zu unterstützen, verfolgt auch das bundesweite Netzwerk „Journalismus macht Schule“: Journalistinnen und Journalisten zahlreicher Medien, von Landesmedienanstalten, Landeszentralen der politischen Bildung und anderer Institutionen und Organisationen haben sich zu diesem neuen Bündnis zusammengeschlossen. Das bundesweite Netzwerk will Schülerinnen und Schülern dabei helfen, sich verlässlich zu informieren und sich so eine unabhängige Meinung bilden zu können.

Hinter dem Netzwerk stehen Journalistinnen und Journalisten aus großen Medienhäusern wie zum Beispiel der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, des NDR, aber auch andere, wie der Reporterfabrik. 15 von ihnen kümmern sich um die Organisation des Netzwerkes, insgesamt sind mehr als 600 beteiligt. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Am 3.Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, wurde mit der bundesweiten Aktion „Journalismus macht Schule“ aufmerksam gemacht: Prominente Journalistinnen und Journalisten „gingen“ (meist per Videokonferenz in Schulen in ganz Deutschland).  Es war der Auftakt einer bundesweiten Medienkompetenzwoche, bei der sich zahlreiche Bildungseinrichtungen und Medien in ganz Deutschland beteiligen.

Caren Miosga, Pinar Atalay, Ingo Zamperoni (ARD-Tagesthemen), Marietta Slomka und Claus Kleber (heute journal), Anja Reschke (Panorama), Georg Mascolo (Rechercheverbund SZ, WDR, NDR), Giovanni di Lorenzo, Sabine Rückert (Die Zeit), Alexandra Föderl-Schmidt, Annette Ramelsberger (Süddeutsche Zeitung) und weitere prominente Journalistinnen und Journalisten wie Constantin Schreiber (ARD Tagesschau), Mirko Drotschmann („Mr. Wissen-to-go“) oder Mai Thi Nguyen-Kim (Wissenschaftsjournalistin, „Journalistin des Jahres 2020“) sprachen über die Gefahren von Falschnachrichten und die Bedeutung der Pressefreiheit, ihre Arbeit und, vor allem, sie beantworten Fragen der Schülerinnen und Schüler.
 
Frage: Was passiert genau in diesem Projekt „Journalismus macht Schule“?
Kerstin Schröter, ehemalige Journalistin, jetzt Lehrerin und Dozentin der Lehrerfortbildung und Sprecherin von „Journalismus macht Schule“, sagt: „Wir wollen den Schulen dabei helfen, den Schülerinnen und Schülern Nachrichten- und Informationskompetenz mit auf den Weg zu geben, indem wir bundesweit Besuche von Journalistinnen und Journalisten, Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in den Ländern, aber auch erprobtes Unterrichtsmaterial vermitteln.  Dabei geht es uns vor allem darum, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie sich am besten informieren und wie sie selbst veröffentlichen können. Sie lernen, wie man clever recherchiert, Fake News erkennt oder selbst Medien produziert wie zum Beispiel Videos oder Audios.“

All das könne in den Schulklassen nach dem Besuch der Journalisten auch online weiter geübt werden. Beim Besuch einer Schulklasse zeigen Journalistinnen und Journalisten an konkreten Beispielen aus ihrer Arbeit, wie Journalismus funktioniert, was seine Stärken und Risiken sind, woran Qualitäts-Journalismus zu erkennen ist. Darüber wüssten viele Jugendliche nur sehr wenig. Hinzu komme die Chance, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie selbst Medien am besten nutzen können, was sie beispielsweise auf Instagram, WhatsApp oder eigenen Blogs machen können und was sie dort besser nicht machen sollten.  

Frage: Sie sind auch in einem gemeinsamen Projekt mit der Zukunftsstiftung Bildung engagiert. Worum handelt es sich dabei?
Wie es um die Nachrichten- und Informationskompetenz bei Schülerinnen und Schülern, aber auch bei Lehrerinnen und Lehrern steht, ist in einigen Studien  immer wieder festgestellt worden. Durch die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie sind die Defizite – auch, was Kompetenzen bei digitalen Medien angeht – noch stärker offensichtlich geworden.

In diesem Zusammenhang ist auch die Kooperation der Reporterfabrik beim Projekt „W.I.R. in Europa“ mit der GLS Zukunftsstiftung Bildung zu sehen: Durch das Erlernen journalistischer Methoden (z.B. bei der Recherche über europäische Themen) vermitteln wir allgemeine Nachrichten- und Informationskompetenz. Diese Kompetenzen werden sogar vertieft, weil die älteren Schülerinnen und Schüler das Gelernte in ihrer Rolle als Coaches an jüngere weitergeben.

„Doppelt genäht hält besser“, lautet eine alte Weisheit. Wir sind uns sicher, dass dieses Lehr- und Lernprinzip junge Menschen befähigt, Falschnachrichten zu erkennen und ihre Verbreitung zu verhindern. Ihre eigene und die Urteilsfähigkeit ihrer Coachees wird zunehmen. Die Schülerinnen und Schüler werden künftig dazu beitragen, dass der Dialog in sozialen Medien an Qualität gewinnt. Und sie werden damit Teil der „redaktionellen Gesellschaft.“

Matthias Riepe

 

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Sophie Tenbrink


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